Michel Riechmann (Ogmo), David Hasler (Ogmo)
Jährlich werden in der Schweiz grosse Mengen Phosphor buchstäblich die Toilette hinuntergespült. Das Eawag-Spin-off Ogmo will den Kreislauf schliessen und zwar mit ihrem Produkt Nutrient Harvester: Ein Urinal, das vor Ort hochwertigen Pflanzendünger produziert. So werden kostbare Nährstoffe gesammelt, statt zur Kläranlage transportiert.
Wenn es etwas gibt, das für Hygiene und Fortschritt steht, dann die Entsorgung von Abwasser und seine Aufbereitung mittels Kanalisation und Kläranlagen. Dieses Konzept ist allerdings bereits über 100 Jahre alt und teilweise nicht mehr zeitgemäss.
Einerseits ist eine solche zentrale Lösung nur dank eines immensen Einsatzes von Ressourcen wie Wasser und Energie möglich. Und andererseits ist Urin eine Quelle von wertvollen Nährstoffen wie Stickstoff, Kalium und Phosphor, deren Rückgewinnung aus Sicht der Kreislaufwirtschaft und Versorgungssicherheit notwendig wäre, aber nur unvollständig geschieht.
Bei Phosphor sind diese Fragen besonders relevant: Die Schweiz importiert jährlich 15‘000 Tonnen Phosphor für die Landwirtschaft, könnte den Bedarf aber mit der Rückgewinnung aus Urin und Tiermehlasche vollständig decken (siehe Technologie Phosphorrecycling).
Hier setzt der Nutrient Harvester des Dübendorfer Spin-offs Ogmo an, der in der Form eines Urinals daherkommt. Vordergründig ist der Nutrient Harvester ein gewöhnliches Pissoir. Hinter der Fassade laufen jedoch drei Schritte ab, die aus dem Urin einen wertvollen Pflanzendünger machen.
In einem ersten Schritt wird der Urin durch Zugabe von Säure stabilisiert, damit er sich nicht in Ammoniak und Ammonium zersetzt. So wird auch gleich eine unangenehme Geruchsquelle eliminiert. Danach wird der Urin um 95 Prozent eingedampft. Dies erhöht die Speicherkapazität der Toilette und senkt somit die Wartungsfrequenz.
Das so entstandene Urinkonzentrat wird in einem letzten Schritt getrocknet. Das Resultat: ein fixfertiger Pflanzendünger in Pulverform. Als Nebenprodukt entsteht im Prozess sogar sauberes und keimfreies Wasser, das wegen fehlender Zertifizierung als Servicewasser zum Einsatz kommt. Alle Schritte laufen direkt im Urinal ab. Dezentral und energiesparend.
Was nach einem Erfolgsrezept klingt, ist in Tat und Wahrheit gar nicht so einfach zu realisieren. Die eigentlichen Hürden, an denen die beiden Gründer von Ogmo, Michel Riechmann und David Hasler, die von Kai Udert, Professor an der Eawag und der ETH Zürich, unterstützt werden, tüfteln, liegen nicht im Prozess der Düngerherstellung, sondern in der Schweizer Gesetzgebung. Denn diese schreibt vor, dass jedes Haus an eine zentrale Kläranlage angeschlossen werden muss, es sei denn, dies ist aus zwingenden Gründen nicht möglich. Was grundsätzlich keine schlechte Idee ist, hat für dezentrale Systeme wie den Nutrient Harvester negative Auswirkungen. Dementsprechend investieren Michel Riechmann und David Hasler viel Zeit, um den richtigen Business Case zu identifizieren und aus ihrer Idee ein Produkt zu entwickeln, das aufseiten der Kundschaft zusätzlichen Mehrwert schafft.
Man könnte den beiden raten wollen, mit ihrer Toilette in Länder zu gehen, die kein derartig ausgebautes und verpflichtendes Abwassersystem wie die Schweiz haben. Michel Riechmann legt dar, warum dies gerade am Anfang problematisch ist: «Die Praxis zeigt, dass gravierende Probleme entstehen können, wenn in Industrienationen entwickelte Lösungen anderen Ländern übergestülpt werden. Wir führen deshalb lieber vor, dass Innovationen in unserer eigenen Komfortzone funktionieren und schaffen so Vertrauen für den nachhaltigen Export der Systeme.»
Die beiden Gründer sehen Potenzial in Nischen wie beispielsweise bei Berghütten, wo ein Anschluss an die Abwasserversorgung schlicht nicht möglich ist, oder bei Toiletten im öffentlichen Raum. Etwa in Parks, wo es keinen Anschluss an die Kanalisation gibt. Eine Toilette anzuschliessen kostet im Mittel 20‘000 bis 30‘000 Franken. Bei solchen Preisen ist der Nutrient Harvester schon heute konkurrenzfähig.
Das Ziel ist, durch die zunehmende Verbreitung die Komponenten günstiger und robuster zu machen, damit der Nutrient Harvester zu einem neuen Standard für Toiletten werden kann. Ogmo zeigt, dass es in der Natur keinen Abfall gibt.